Hoch hinaus mit Holz

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Hoch hinaus mit Holz

Architektur: Gebäude in luftigen Höhen entstehen meist aus Stahlbeton. Doch das Bauen mit Bäumen ist im Kommen

In den letzten Jahren hat das Bauen mit Bäumen zunehmend an Höhe gewonnen. Jahr auf Jahr wurden immer höhere Gebäude fertiggestellt, bei denen die Tragstruktur ganz oder überwiegend aus Holz besteht. Ein Wohnbau in Bad Aibling mit acht Geschossen, zehn- und elfgeschossige Stadt- beziehungsweise Hafenapartments in London oder Melbourne, ein Studentenheim in Vancouver mit 18 Geschossen sind Beispiele dafür. Und bald ist gar ein Büro und Hotelbau in Wien mit 24 Stockwerken und knapp 80 Metern Traufhöhe fertig. Man hat allerdings noch nicht die Höhe des größten lebenden Baumes erreicht, ein momentan 84 Meter hoher und elf Meter starker Sequoia Nadelbaum. Er hat es in 2000 Jahren unter dem sonnigen und feuchten kalifornischen Pazifikklima geschafft, 1500 Tonnen CO2 aus der Luft in 1500 Kubikmeter Bauholz zu verwandeln. Für einen Kubikmeter Holz haben die Nadeln des Baumes in sonnenbetriebenen Photosyntheseprozessen rund eine Tonne CO2 aus der Luft gefiltert. Die mitteleuropäischen Wälder, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts durch Rodung und Übernutzung stark dezimiert wurden, sind durch gezielte Wiederaufforstung und Waldpflege heute wieder in der Lage, große Holzmengen zu liefern. Mit dem jährlich nachwachsenden Rohstoff könnte man das gesamte Hochbauvolumen Deutschlands realisieren. Doch in Wirklichkeit werden zur Zeit in Bayern weniger als zehn Prozent davon in Holz errichtet. In ganz Deutschland sind es nur rund fünf Prozent, was gegenüber der Nachkriegszeit dennoch eine Steigerung darstellt. Mit circa 90-prozentigem Anteil dominiert jedoch nach wie vor der Stahlbeton. Entsprechend werden beinahe 50 Prozent des in den Wäldern nachwachsenden Holzes nicht genutzt – dafür werden große CO2-Mengen bei der Zementproduktion emittiert.

Realisierungsstudie 20-geschossiger reiner Holzbau mit dünnen Stahlblechen in Verbindungsbereichen, 2008, Architekt Michael Schluder, Tragwerksplaner; Wolfgang Winter, Unterstützung FFG, Österreich.

Realisierungsstudie 20-geschossiger reiner Holzbau mit dünnen Stahlblechen in Verbindungsbereichen, 2008, Architekt Michael Schluder, Tragwerksplaner Wolfgang Winter, Unterstützung FFG Österreich.

Zahlreiche Vorteile im Holzbau
Länder wie Frankreich, Japan oder Australien versuchen durch staatliche Förderprogramme die Holzanwendung im mehrgeschossigen urbanen Holzbau zu fördern. In Deutschland gibt es derartige Programme noch nicht, trotzdem entscheiden sich gerade im Bereich von Gewerbeimmobilien immer mehr Bauherren für diese Bauart. Sie möchten die Vorteile der Vorfertigung, des schnellen trockenen Bauens, der hohen Energieeffizienz und der Imagewirkung eines eleganten, intelligenten, flexiblen und nachhaltigen Holzbaus nutzen. Wenn man mit dem Begriff Industrie 4.0 heute von der vierten Generation der industriellen Fertigungstechnik spricht, meint man damit die Weiterentwicklung der Kerntechnologien von der Dampfmaschine bis zur sich selbst programmierenden Fertigungsanlage, die letztendlich wieder individuelle Einzelproduktion ermöglicht. Die gleiche Begriffslogik könnte man auf die handwerkliche Produktionskette anwenden, bei der a priori die Hand des Menschen, des Handwerkers und nicht die Maschine die Fertigungsprozesse dominieren. Dann wäre Handwerk 4.0 die individuelle Einzelfertigung mit Abbundanlagen, gesteuert durch die gemeinsame digitale Plattform zwischen Architekt, Ingenieur und Zimmereibetrieb. Das Ganze würde unter Verwendung industriell erzeugter Halbzeuge mit individueller Anpassung (wie beispielsweise bearbeitetete Brettsperrholzplatten), einem hohen Vorfertigungsgrad mit individuell eingebauter Haustechnik und einer durchorganisierten Logistik und Montage der meist großformatigen fertigen Bauteile entstehen. Im Augsburger Netzwerk Holzbau werden genau diese Prozesse des vernetzten Holzbaus 4.0 mit Integration der Architektur, Bauteilproduktion und Abbund und Montage mit Erfolg umgesetzt.

 

Über den Autor: PROF. WOLFGANG WINTER ist Abteilungsleiter des Institutes für Architekturwissenschafte-Tragwerksplanung und Ingenieurholzbau an der TU Wien.

(Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung, 3.12.2016)

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