Was erwartet uns in Sachen Zukunft der Arbeit? Ein Interview mit Dr. Ole Wintermann

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Was erwartet uns in Sachen Zukunft der Arbeit? Ein Interview mit Dr. Ole Wintermann

Auf dem 6. Augsburger Technologietransfer-Kongress am 30. März stellt Dr. Ole Wintermann von der Bertelsmann Stiftung vor, wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte.

Wer im Unternehmen zukunftsorientiert plant, erreicht eine bessere Performance. Aber was sind die Trends in der Arbeitswelt und wie kann man sie bewerten? Dazu haben wir Herrn Dr. Wintermann schon vorab einige Fragen gestellt:

Herr Dr. Wintermann, Sie beschäftigen sich mit der Digitalisierung und der Zukunft der Arbeit: Gibt es etwas, was wir zu diesem Thema noch nicht ständig in der Zeitung lesen? Oder anders gefragt: Was ist der am meisten unterschätzte Aspekt in Sachen Zukunft der Arbeit?

Die meisten aktuellen Beiträge in Printmedien tun so, als führen wir hier die Technikdebatte der 70er Jahre fort, als diskutiert wurde, wie viele Fließbandarbeiter durch die Automatisierung ersetzt werden. Die Frage heute lautet aber nicht nur, ob es noch mehr Roboter geben wird, sondern wie sich zum Beispiel die Automobilproduktion an sich ändert. Diese Dimension der Veränderung in Unternehmenskultur und Arbeitsabläufen wird in den Medien viel zu wenig thematisiert. Wie erklärt man Unternehmensmanagern diese existenzielle Bedeutung der Digitalisierung, ohne als dramatisierender Zukunftsforscher zu gelten?

Könnten Sie Beispiele für diese existenziellen Veränderungen nennen?

Sehen Sie sich beispielsweise die Entwicklung in der IuK-Branche in den letzten 20 Jahren an: Erst hat man zum Beispiel im Computermarkt eine extreme Konzentration erlebt mit einer einheitlichen Software für das Betriebssystem. Diese Vereinheitlichung hat zu einem starken Kostenwettbewerb auf Ebene der Hardware geführt. Die erfolgreiche Entwicklung einer alternativen Software war dann die Voraussetzung für den großen Erfolg von Apple. Das kann man übertragen auf Nokia: Dort hat man es nicht geschafft, die Software weiterzuentwickeln. Und derzeit erleben wir die gleiche Entwicklung in der Automobilindustrie: Ein smartes Auto ist vor allem wegen der Software smart und nicht etwa, weil es besonders viele PS unter der Motorhaube hat. Diese Entwicklung müssen die Autobauer und auch die Entscheider aus anderen Branchen verstehen.

In welchen Branchen oder Berufsgruppen wird sich die Arbeitswelt am stärksten verändern?

Das ist jetzt noch etwas Kaffeesatzleserei, denn dazu gibt es durchaus sich widersprechende Studienergebnisse.

Die einen sagen, dass der Bereich der gering Qualifizierten am stärksten betroffen sein wird, wie z.B. LKW-Fahrer, die durch autonom fahrende LKWs überflüssig werden u.ä.. Andere Studien prognostizieren, dass Digitalisierung gerade bei gering qualifizierten Arbeitnehmern zu einer Ausweitung der eigenen Kompetenzen führen kann. Ein Lagerarbeiter mit Google Glass kann so beispielsweise höher qualifizierte Aufgaben als bisher erfüllen.

Dann gibt es Studien, die besagen, dass der hochqualifizierte Bereich stark betroffen sein wird. Selbst Vorstände könnten durch Algorithmen ersetzt werden, denn die hohe Komplexität einer solchen Tätigkeit können nur noch Algorithmen überblicken. Sowohl im Finanzbereich als auch im Kreativbereich gibt es dazu bereits Beispiele: In Hong Kong hat ein Venture Capital Unternehmen einen Algorithmus in den Vorstand berufen und eine Kreativagentur in Japan hat eine künstliche Intelligenz als Kreativdirektor eingesetzt.

Gegenstimmen sagen natürlich, die nötige Intuition und Kreativität für solche Aufgaben sei nicht ersetzbar. Aber die Beispiele zeigen, dass letztlich jede Art von Tätigkeit ersetzbar sein könnte.

Was empfehlen Sie den Unternehmern, um sich für diesen Wandel zu rüsten?

Viele Entscheider in Unternehmen neigen dazu, die Aufgabe der digitalen Transformation zu delegieren: An die IT-Abteilung, einen Chief Information Officer oder Digitalisierungsexperten. Das Wichtigste für die Entscheider ist jedoch nicht, Vorträge oder Berichte zu hören, sondern selbst Erfahrungen zu sammeln. Ein Autobauer sollte ein Wochenende im Tesla sitzen. Kai Diekmann vom Axel Springer-Verlag hat Monate selbst im Silikon Valley gearbeitet, um sich dort ein Bild von der Zukunft des Journalismus zu machen und neue Ideen zu entwickeln.

Zu warnen ist außerdem vor der derzeit noch verbreiteten Perspektive: „Wir sind in diesem Markt mit einem Marktanteil von x % und unsere Wettbewerber sind die Firmen x,y,z…“, Diese verengte Branchensicht trifft angesichts der Digitalisierung nicht mehr zu, denn schon morgen kann ein Start up in die Branche einbrechen und den Markt aufrollen. Um diese potentielle Bedrohung im Blick zu behalten, sollten sich Unternehmen auch den kurzfristigen Luxus leisten, Personen mit Interesse an Digitalisierung freizustellen, die frei und unabhängig von Hierarchien das Thema durchdenken können. Firmen wie BMW haben z.B. bei der Entwicklung des i3 eine eigene Firma gegründet, um eine ungestörte Entwicklung zu ermöglichen.

Digitalisierung wird viel als Bedrohung der Arbeit diskutiert. Haben Sie auch gute Nachrichten für den Arbeitsmarkt der Zukunft? Was empfehlen Sie Mitarbeitern?

Man muss sich von den tradierten Debatten in den Printmedien lösen. Wenn ich 30 Jahre in nur einer Firma gearbeitet habe, ist die Digitalisierung natürlich scheinbar eine Gefahr, da mit ihr auch immer Änderungen einhergehen. Wir sollten daher mehr in Möglichkeiten denken: Man ist nicht mehr sein Leben lang auf eine Tätigkeit festgelegt, man kann digitale Tools nutzen, um den eigenen Wissenshorizont zu erweitern.

Die Digitalisierung eröffnet uns auch die Möglichkeit, die Fixierung auf tradierte Arbeitsabläufe aufzugeben. Zudem stellt sich die Frage: Ist Arbeit die wichtigste Sinnstiftung? Wären neue Modelle denkbar? Auch ein Grundeinkommen wird in diesem Zusammenhang ja schon weithin diskutiert.

Arbeitnehmern rate ich vor allem zu Offenheit, Neugier und Interesse an neuen Dingen. Statt einer weiteren formalen Weiterbildung sich selbst Gedanken darüber machen, wofür das Herz schlägt. Jeder hat etwas, das ihn antreibt. Ein solcher Ansatz weitergedacht hätte natürlich auch erhebliche Implikationen für den Ausbildungsmarkt.

 

Dr. Ole Wintermann hat für die Bertelsmann Stiftung die internationale Blogger-Plattform Futurechallenges.org aufgebaut und ist ein gefragter Experte für die Zukunft der Arbeit und die Arbeitswelt 4.0. Auf Twitter findet man ihn unter @olewin

 

Alle Informationen zum 6. Augsburger Technologietransfer-Kongress: www.technologietransfer-kongress.de

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