Identifikation des Lebensraumes: Architektur für die Region Schwaben

Gewonnen aus Schutt und Asche: nach den Angriffen vom 17. April 1942 startete die Royal Air Force im Februar 1944 den verheerendsten Angriff auf die in Augsburg ansässige Rüstungsindustrie, die Flugzeugwerke Messerschmitt und MAN Dieselmotoren. Dabei wurden die Kernstadt Augsburgs und die Bezirke Lechhausen und Haunstetten weitgehend zerstört. Seither sind viele Generationen vergangen. Heute hat es den Anschein, dass nahezu alle Kriegsschäden überwunden sind. Die Vorstellung, dass südlich der Ulrichskirche kein Stein auf dem anderen stand, ist für Besucher dieses Altstadtviertels kaum mehr vorstellbar. Eine Reihe von Stadtvierteln wurden komplett neu aufgebaut und den meisten Bürgern, den Planern und Behörden erschien das neue Augsburg in mancherlei Hinsicht den Anforderungen an die beginnende Neuzeit besser angepasst als je zuvor.

Wirtschaftswunder Deutschland

Dass dies ein Trugschluss war, zeigt sich erst heute. Zwar musste unter den drängenden Notwendigkeiten der ersten Nachkriegsjahre die Infrastruktur wiederhergestellt und dringend Wohnraum errichtet werden. Diese Phase war jedoch in den 1970er-Jahren weitgehend abgeschlossen und das Wirtschaftswunder Deutschland eröffnete die Möglichkeit, nachzudenken über die zukünftigen Anforderungen einer Stadt. Eine Stadt, die geprägt war von wirtschaftlicher Prosperität mit zunehmendem Individualverkehr, zunehmender Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und Wohnungsknappheit.

Ideen der Gartenstadt

Beispiele für sinnvollen Wohnungsbau gab es in der Frühphase des 20. Jahrhunderts: die Werkbundsiedlungen wie das Kammgarnquartier, das Thelottviertel von Sebastian Buchegger oder der Schubert- und Lessinghof von Thomas Wechs. Vor allem das Thelottviertel basierte auf den Ideen der Gartenstadt, eines in England von Ebenezer Howard bereits 1998 entwickelten Modells einer planmäßigen Stadtentwicklung. Die Notwendigkeit hierfür ergab sich in England aus den frühkapitalistischen Anfangszeiten mit den bekannten Defiziten einer kapitaldominierten Industrialisierung wie zum Beispiel Wohnraumknappheit und horrend steigende Grundstückspreise. Die aktuellen städtebaulichen Probleme sind hierzu weitgehend kongruent und vor allem: Sie waren absehbar. Die öffentliche Hand hat sich – wie der Politikwissenschaftlter Claus Leggewie beschreibt – seit Jahrzehnten immer mehr in die Hand der Projektentwickler begeben. Fortan wurde nicht mehr das gebaut und geplant, was für die Sozialgemeinschaft wichtig ist, sondern was Profit für die Immobilienspekulanten erbringt.

Sanfte Stadterneuerung versus Kapitalgewinn

Mit diesen städtebaulichen Entwicklungsmustern steht Augsburg natürlich nicht allein da. Viele deutsche Städte haben die Stadtentwicklung in die Hand von Bauträgergesellschaften gelegt. Auch im NIchtwohnungsbau wurden häufig die Wünsche der Kapitalgeber über die der Allgemeinheit gestellt. Nur wenige Städte, wie zum Beispiel Wien, haben seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf konstant sanfte Stadterneuerung gesetzt und sowohl die Baustruktur als auch die Gebiets- und Bezirksentwicklung vorangetrieben. Während sich in Wien die Diskussion schon früh um Klimaschutz, soziale Durchmischung, Bauen am Stadtrand, Verkerhslenkung, Gestaltung öffentlicher Räume und so weiter drehte, erfolgte die städtebauliche Optimierung in Deutschland unter den Prämissen des Kapitalgewinns. Nicht umsonst stehen ausländische Investoren Schlange, verspricht man sich doch hierzulande mitunter die weltweit höchsten Renditen aus Immobiliengeschäften. Die Zeit des Nachdenkens, des Ausprobierens mit dem Risiko von Fehlentscheidungen und mithin der Gewinnung von wertvollen Erfahrungen ist im städtebaulichen Kontext knapp geworden. Behören und vor allem Planer werden heute von Investoren getrieben und hängen eher den Notwendigkeiten der Kapitalvermehrung hinterher, als im Vorfeld mit Weitsicht die Qualitäten der nahen Zukunft zu definieren. Zudem scheint die Bedeutung einer nachhaltigen Stadtentwicklung in Anbetracht der gerade stattfindenden globalen Entwicklungen nachrangig zu werden. Klimawandel, Finanzkrisen, Internet, Terrorismus, künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos, Steuergerechtigkeit, Flüchtlinge und anderes bestimmten die Diskussionen.

Architektur als Teil der Identifikation des Lebensraumes

Ist also die Zeit, sich mit Wohnen, Leben, Arbeiten, also dem Habitat schlechthin, zu beschäftigen, vertan? Mitnichten. Trotz vieler schwieriger gewordener Rahmenbedingungen entsteht immer wieder qualitätvolle Architektur, die sich nicht nur auf sich selbst bezieht, sondern das Umfeld in den funktionalen und gestalterischen Teil des Entwurfs mit einbezieht, die sich als Teil der Identifikation des Lebensraumes versteht, als Heimat im eigentlichen Sinne. Planung also, die sich müht, nutzbare und veränderbare Grundrisse zu entwickeln, die Alternativen zum aktuellen Verkehrskonzept vorsieht, die soziale Mischungen trotz vieler Fehlschläge vorantreibt, die neben der Gebäudequalität auch die Bedeutung der Außenanlagen ernst nimmt – und vor allem durch Beachtung ästhetischer Grundregeln attraktiven Lebensraum schafft.

Dieser Art von Architektur nachzuspüren war unser Ziel bei der Auswahl der Gebäude für den Architekturführer der Region Schwaben. Wir wollten gute Architektur unabhängig von Bedeutung, Göße und Nutzungsart sichtbar machen und damit der Öffentlichkeit zeigen, dass gute Lösungen nicht teure Exoten sind, sondern an vielen Ecken unserer Kulturlandschaft entstehen. Natürlich braucht es dazu neben eigenständigen Architekten vor allem kluge Bauherren, flexible Behören und erfahrene Handwerker, um den vielen teilweise kontroversen Anforderungen einigermaßen gerecht zu werden. Da jede Auswahl immer auch ein subjektives Element beinhaltet, haben wir hierfür ein Gremium gebildet, das sich aus den Vertretern der jeweiligen Baubehörden und der Berufsverbände BDA und SAIV zusammensetzt. Für die Zeit, das Engagement und die Urteilskraft gebührt den Beteiligten unser Dank.

Titelbild des neuen ahochdrei Immobilienmagazin. Foto: Regio Augsburg Wirtschaft GmbH

Dieser Artikel ist in unserem Magazin ahochdrei Märkte. Werte. Chancen. erschienen. Diese Ausgabe mit dem Schwerpunkt Immobilien widmet sich dem aufstrebenden Immobilienmarkt der bayerischen Metropole Augsburg und seiner Region.

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