Beim Wirtschaftsdialog digital_real in Aichach bei der Firma Juzo trafen sich über 100 Gäste, um sich zu informieren, wie Unternehmen aus dem Wirtschaftsraum A³ Digitalisierung bereits umsetzen.

Die Veranstaltungsreihe A³ Wirtschaftsdialog digital_real fand am 6. Februar bereits zum vierten Mal statt, doch zum ersten Mal in Aichach: Die Julius Zorn GmbH hatte in ihre neu eröffnete Kantine geladen. Das Interesse an Digitalisierung ist sowohl bei den Unternehmen wie auch bei den kommunalen Vertretern ungebrochen: Landrat Dr. Klaus Metzger und Bürgermeister Klaus Habermann waren sich einig: Gerade bei dem größten Arbeitgeber in Aichach mit über 750 Mitarbeitern sind die Möglichkeiten von digitalen Lösungen entscheidend für die Unternehmensentwicklung, aber gleichzeitig steht auch die kommunale Verwaltung vor ähnlichen Herausforderungen. „Wichtig ist, dass gerade bei Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz die Möglichkeiten für einen branchenübergreifenden Austausch geschaffen werden, damit die Unternehmen der Region zukunftsfähig bleiben. Deshalb freut uns der große Zuspruch zu diesem Format der Wirtschaftsförderung“, so Andreas Thiel, Geschäftsführer der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH und Organisator der Veranstaltung.

Mensch oder Maschine

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Augsburg ist darauf spezialisiert, kleine und mittlere Unternehmen in Digitalisierungsprojekten Hilfestellung zu leisten: Ganz neu im Programm des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Zentrums sind drei Trainer für künstliche Intelligenz (KI). Marcus Röhler, einer der KI-Trainer aus Augsburg, widmete sich der Frage: Was ist heute schon möglich und wo wird auch ein echter Mehrwert für Unternehmen erzeugt? Ein gutes Beispiel ist ein automatisiertes Qualitätssicherungssystem für die Spritzguss-Produktion, das besser als der Mensch Fehler wie Schlieren oder Risse erkennen kann. Anders verhält es sich oft bei der Interpretation komplexer Daten. Hier wird nicht immer der richtige Zusammenhang hergestellt, wie ein Beispiel eines Übersetzungsalgorithmus gezeigt hat.
Außerdem konnten die Gäste im Mittelstand 4.0-Mobil selbst einige digitale Anwendungen wie Assistenzsysteme im Bereich Kommissionierung, Virtual Reality-Brillen für die Produktionsplanung und vieles mehr vor Ort ausprobieren.

Juzo führt ein digitales Auftragserfassungssystem ein

Die Firma Juzo hat bereits angefangen, digitale Lösungen im Unternehmen umzusetzen: „Als Textilunternehmen in Deutschland muss man von früh bis spät darüber nachdenken, wie man die Produktion effizienter machen kann“, so Uwe Schettler, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Bei 4.500 Aufträgen täglich ist die Auftragserfassung ein großer Hebel, Prozesse effizienter zu machen. „Da nach wie vor 70% der Aufträge in über 100 verschiedenen Bestellformularen in Papier-Form eingehen, möchten wir unsere Mitarbeiter im Kundenservice entlasten und dafür deren Kapazitäten für umfassenderen Service und Beratung nutzen“ so Jürgen Gold, Geschäftsführer bei Juzo. Die Schwierigkeit ist es, ein System so intelligent zu schulen, dass handschriftliche Informationen automatisiert erkannt und korrekt interpretiert werden. Wichtig ist dabei, den Prozess nicht vollständig zu entkoppeln, sondern über das Prinzip „human in the loop“ den menschlichen Kontrollpunkt zu erhalten und das System durch das Knowhow gleichzeitig weiter zu entwickeln, so Christian Brandstetter, Bereichsleiter Verwaltung und Organisation.
In den Werksführungen erhielten die Teilnehmer einen ausführlichen Einblick in die Produktion bei Juzo. Von Rund- und Flachstrickmaschinen bis zur Färberei wurde vorgestellt, wie Kompressionsstrümpfe oder Bandagen  in Serienfertigung wie auch in einer hochkomplexen patientenorientierten Maßanfertigung hergestellt werden. Das moderne Werk, das 2014 in neue Logistik- und Produktionshallen gezogen ist, beeindruckte durch das große Produktionsvolumen der Maschinen, moderne Arbeitsplätze und automatisierte Prozessoptimierungen wie ein fahrerloses Transsportsystem in der Produktion.

Mitarbeiter für Digitalisierung begeistern

Dirk Kowalewski, technischer Geschäftsführer bei der Druck- und Mediengruppe Mayer & Söhne, stellte seinen Schwerpunkt im Bereich Digitalisierung vor: Wie setzt ein Unternehmen Digitalisierungsprojekte effektiv und vor allem gemeinsam mit den Mitarbeitern um? „Habe ich als Mensch nach der Digitalisierung noch eine Zukunft im Unternehmen und wie kann diese aussehen?“, ist die Frage, die den Mitarbeitern zuerst beantwortet werden muss, so Kowalewski. Entscheidend ist es, Perspektiven zu zeigen und auch ihnen die Chancen in den Veränderungen für die Firma, aber auch für die Mitarbeiter selbst herauszuarbeiten. Voraussetzung dafür ist, diesen Punkt von Anfang an mitzudenken und auch ehrliche Antworten auf die Sorgen der Arbeitnehmer zu haben. Am Ende, so Kowalewski, werden Unternehmen bestehen, die vom Technologievorsprung weiter den Fachkräftevorsprung entwickelt haben. Damit werden Mitarbeiter, die nicht nur die technologische und digitale Entwicklung eines Unternehmens mittragen, sondern weiter voranbringen, zum entscheidenden Faktor für die Zukunftsfähigkeit und den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens.

In Veränderungen Chancen sehen

Für Markus Lutz, Geschäftsführer der Eduard Lutz Schrauben-Werkzeuge GmbH, ist Digitalisierung eine Frage der Perspektive. Unternehmer sind oft unter Zugzwang, Veränderungen anzustoßen – digitale Projekte sind davon nur ein Teil der Herausforderungen. Dennoch bieten sich gerade hier enorme Chancen: „Nutzen Sie die neuen Möglichkeiten! Man verliert sonst irgendwann den Anschluss“, so Lutz. Beispielsweise kann für den klassischen Handel über digitale Plattformen der Service für Kunden ausgebaut werden. In einem Projekt bietet der Werkzeughändler 3D-Druck-Dienstleistungen über seinen Online-Shop an, der von Partnern übernommen wird. Markus Lutz ist überzeugt: Als Unternehmer muss man Digitalisierungsprojekte selbst anstoßen und nach und nach die Mitarbeiter mitnehmen. Ganz nach dem Motto „think big start small“ bleibt aber bei jedem Projekt auch immer die Frage zu beantworten, ob dabei ein interner oder externer Nutzen entsteht.